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Volker Mehner
Engel in residence
Rede zur Ausstellungseröffnung am 17.Dezember 2008 in der Praxis für Lungen – und Bronchialheilkunde, Dr. med. Bernhard Schulz, Clayallee 345, 14169 Berlin
Wenn der Artist „in residence“ ist, der Künstler irgendwo als Stipendiat zu Gast, dann ist das
eine erfreuliche Angelegenheit. Frei von Sorgen ums tägliche Brot, um das Verdienen für
Unterkunft und Essen, kann er sich ganz der Arbeit widmen. Hätten die Engel momentan die
Wahl zwischen Residenz hinieden und Emigration, vermutlich wählten sie letzteres, so
inflationär, wie sie sich in der Weihnachtszeit mit süßen Speckröllchen dekoriert, von
goldenen Locken beschienen und rotwangig vom vielen Trompeten in jeder Einkaufspassage,
auf jedem Einwickelpapier zu zeigen und für die rechte Adventsstimmung herzuhalten
haben…
Dem Künstler Volker Mehner kann man einen Hang zu zimtduftender Weihnachtsseeligkeit
nun gar nicht nachsagen. Aber der Engel hat ihn schon lange interessiert, und so hat er sich
am traditionellen Bild abgearbeitet, den Engel gewissermaßen gegen den Strich gebürstet.
Schön, harmonisch und bar jeglicher Blessuren sind die Engel in der Kunstgeschichte
anzusehen. Laute spielend bei Bellini, unschuldig bei Tizian, Raffael oder Rubens. Über
Jahrhunderte eine Konstante in der Kunstgeschichte, immer in tradierter Darstellung :
musizierend, als Kinder und/oder mit Flügeln. Dabei sind Engel rein geistige Wesen, besitzen
Erkenntnis und Wollen, beschützen, verkünden, retten. Es fehlt die Stofflichkeit, und mithin
ist ihr Aussehen gar nicht eindeutig.
Was hat es nun mit dieser Engelswelt auf sich, die zu demontieren die lutherische Zeit
begann, der Galilei die Naturwissenschaft entgegensetzte oder die Philosophen den
Empirismus, Idealismus, Rationalismus. Sind die Engel nurmehr eine poetische Zutat zum
Glauben, oder – folgte man der protestantischen Aufklärung – noch radikaler : nichts weiter
als „metaphysische Fledermäuse“?
Engel sind für Mehner nichts bestimmtes, viele Deutungen der Jetztzeit dünken ihn zu sehr
vom Pelz esoterischer Verklärung überzogen.
„Ein Engel könnte doch auch ein Teufel sein oder Huhn“ lästert er. In seiner
Auseinandersetzung mit Engeln stieß Volker Mehner vor Jahren auf einen Text von Heiner
Müller,
„…Eine Zeit lang sieht man nur noch sein Flügelschlagen, hört das Rauschen, die
Steinschläge vor hinter ihm niedergehen, lauter je heftiger die vergebliche Bewegung,
vereinzelt, wenn sie langsamer wird. Dann schließt sich über ihm der Augenblick : auf dem
schnell verschütteten Stehplatz kommt der glückliche Engel zur Ruhe, wartend auf
Geschichte in der Versteinerung von Flug, Blick, Atem. Bis das erneute Rauschen mächtiger
Flügelschläge sich in Wellen durch den Stein fortpflanzt und seinen Flug anzeigt.“
Bei Müller also ist der Himmelsbote nurmehr hörbar als Flügelschlag, ein Rauschen. Zu
selber Zeit schwamm auf der Berliner Spree, in deren Nähe Volker Mehner wohnte, ein
komplett abgetrennter Schwanenfittich, und auf dem Kneipen-Teller glänzte ganz prosaisch
ein Goldbroiler im Fett. Da wusste der Künstler, dass er den Engel reduzieren kann auf einen
Flügel. Ironisierend versetzt Volker Mehner seine Engel in mehrerlei Konstellationen. Da
wäre der Engel im Bergwerk, wo er vom Geröll zerquetscht zu werden droht. Der
Selbstmordengel, der am Galgenbaume leise weht im Wind, derweil die offene Kiste
ungeduldig ihrer Bestimmung harrt. Weiter sind zu entdecken der Schutzengel, der
Kannibale, der surrealistische Engel. Der in kränkelnden Hitzewallungen erschaudernde
Fieberengel, ein begrabender Engel und ein gänzlich abwesender. Bei Mehner haben die
Engel mächtig Federn gelassen und scheinen eigener Schutzengel bedürftig, wie sie da als
bloßer Flügel, abgetrennt vom Leib und obendrein versehrt, in misslichen Situationen
anzutreffen sind. – Hinüber die holde Erwartung himmlischer Wesen.
Die alte Technik des Holzschnitts ist für Mehner ein Medium der Antiaufklärung. Er
mythifiziert und mystifiziert, arbeitet bewusst über das Haptische, das Sinnliche, wie diese
Technik es zu vermitteln vermag. Er nutzt die Kraft und Geltung, die der reduzierten Form,
der Klarheit der Motive entspringt. Und knüpft damit an die Traditionen bester Holzschnitt-
Kunst an, ohne in Ehrfurcht vorm altwürdigen Handwerk zu erstarren.
Mehner folgt Traditionslinien und geht doch einen ganz eigenen Weg. Seine Bilder sind
intuitiv erfassbar und gleichwohl intellektuell, sprechen Sinne und Geist an. Und wenn Engel
denn reich mit der Gabe der Selbsterkenntnis beschenkt sind – was ihnen den Analytiker spart
– so kann sich der Betrachter Mehners Bilder selbst beschenken – je nach dem, wie weit er
die Bilder sich zu erschließen geneigt ist.
Beate Lemcke, Dezember 2008, www.irish-berlin.de
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